Zürichs Probleme mit den «kalten» Betten

Immobilienbesitzer nutzen ihre Wohnungen teilweise nur für die Nacht nach dem Opernbesuch
Zweitwohnungen: Während der Immobilienmarkt völlig ausgetrocknet ist, stehen an den besten Lagen Wohnungen die meiste Zeit über leer. Das ist ungerecht. Bisher glaubte man, dass kalte Betten vor allem in den alpinen Bergtälern stehen. Dass viele davon auch in den Städten zu finden sind, ist man sich kaum bewusst. Dabei wurde in Zürich schon im Jahr 2000 jede 20. Wohnung als Zweitwohnsitz genutzt – oder auch als Drittwohnung. Und nach Beobachtungen aus den Quartieren werden es laufend mehr. Alles andere wäre auch überraschend, schliesslich ist Zürich heute nicht nur als Wohnort äusserst begehrt, die Stadt hat auch wirtschaftlich weiter an Bedeutung gewonnen – und ist stärker als früher mit dem Ausland verflochten.
Wie in den Bergen sind Zweitwohnungen auch in der Stadt alles andere als ein Gewinn; weder für die Bevölkerung noch fürs Quartier oder die Stadt. Die Probleme aber, die sich daraus ergeben, sind in Zürich andere als in Zermatt oder St. Moritz. Wer sich in der Stadt einen Zweitwohnsitz zulegt, baut nicht auf der grünen Wiese ein Haus, denn Land dafür ist kaum vorhanden, an zentralen Lagen ohnehin nicht. Also kaufen Auswärtige ein Haus oder eine Wohnung – und kündigen den bisherigen Bewohnern. Manche von ihnen müssen auch gleich das Quartier verlassen, denn vor allem im Seefeld oder in der Altstadt finden sie kaum mehr eine bezahlbare Wohnung – die grosse Nachfrage, auch von Zweitwohnungskäufern, hat die Preise in den letzten Jahren in die Höhe getrieben.
Haus als Kulisse
Wo Zweitwohnungen verbreitet sind, werden sie auch für das Quartier zum Problem. Kauft ein Financier aus dem Kanton Schwyz ein Pied-à-terre in der Altstadt, wird er kaum einmal eine Quartierversammlung besuchen, eher nicht am Räbeliechtliumzug mitmarschieren oder auf der Strasse Unterschriften sammeln, wenn dem Quartierzentrum der Kredit gekürzt wird. Er wird mangels Präsenz auch nicht in den Quartierläden einkaufen. Kurz: Er wird das Quartier nicht beleben. Sein Haus wird zur Kulisse, die Stadt entvölkert sich in ihrem Kern. Letztlich sind Zweitwohnungen für die ganze Stadt ein Nachteil. Ihre Bewohner nutzen zwar die städtische Infrastruktur, versteuern ihr Einkommen und Vermögen aber anderswo. Anders als in Berggemeinden brauchen sie in Zürich nicht nur Strassen und Wasserleitungen, sondern besuchen mit Vorliebe auch die hochsubventionierten Kulturhäuser. Vor allem bei Zweitwohnungsbesitzern, die in einer steuergünstigen Gemeinde im Einzugsgebiet der Stadt wohnen, kommt der Verdacht auf, dass sie auf diese Weise den höheren Steuerfuss in Zürich umgehen wollen: Sie profitieren von allen Vorzügen der Stadt, werden aber zum tiefen Ansatz ihrer Wohngemeinde besteuert.
Stadtrat ist nicht machtlos
Es ist deshalb erstaunlich, dass sich der Zürcher Stadtrat nicht schon längst des Themas angenommen hat. Da unternimmt er grosse Anstrengungen, um den Bau von Wohnungen zu fördern, um Quartiere aufzuwerten und sich neue Steuerquellen zu erschliessen. Gleichzeitig schmälert aber jede neu geschaffene Zweitwohnung diese Bemühungen. Zumindest hätte der Stadtrat ihre Zahl erheben lassen müssen, damit er die Grösse des Problems überhaupt abschätzen kann.
Der Stadtrat ist nicht machtlos gegen diese Entwicklung, wie dies die Stadtpräsidentin kürzlich im Parlament behauptet hat. Er kann zum Beispiel ihre Zahl wieder über die Bau- und Zonenordnung kontingentieren, indem er sie nicht mehr dem Wohnanteil anrechnet – denn es wird zwar auf diesen Flächen übernachtet, aber nicht wirklich gewohnt.
Der Zürcher Stadtrat könnte sich zudem beim Kanton dafür einsetzen, dass Zweitwohnungen wie in Berggemeinden stärker besteuert werden können. Die Stadt würde so für ihre Leistungen entschädigt. Und die Besitzerinnen und Besitzer von Zweitwohnungen würden das tun, was sie ohnehin tun müssten: sich überlegen, ob es sich lohnt, eine Wohnung dauerhaft zu besetzen. Oder ob sie für ein paar Tage pro Monat auch in einem Hotel übernachten könnten.
Quelle: Tagesanzeiger
10.10.2011
