Genossenschaftliches Bauen als Erfolgsmodell

Typische Genossenschaftsbauten:  Siedlung im Bethlehemacker aus den 1940er-Jahren (links)und aus den 1970er-Jahren (hinten)

In Zürich-Altstetten sind entlang der S-Bahn-Linie in wenigen Jahren 518 neue Wohnungen entstanden. Zwei grosse Siedlungen ragen hier sechs- und siebengeschossig in die Höhe. Die Fassaden und Innenhöfe sind noch von einer fast unecht wirkenden Sauberkeit. Die Überbauungen Im Chlee und Ruggächern sind aktuelle Antworten Zürichs auf seine Wohnungsnot. Die Leerwohnungsziffer lag im Stadtgebiet vor Jahresfrist durchschnittlich bei 0,07 Prozent. Mittlerweile kann sich dort schon der gehobene Mittelstand nicht mehr sicher sein, eine Wohnung in Zentrumsnähe zu finden. Das Seefeld als beliebtestes Viertel hat das Prädikat«seefeldisiert» geprägt. Es steht für die Verdrängung des Mittelstandes durch Besserverdienende.

Zürcher Verhältnisse liegen in Bern etliche Jahre zurück. Von den 1940er- bis in die 70er-Jahre entstanden die für den gemeinnützigen Wohnungsbau prägenden Siedlungen wie der Bethlehemacker oder das Tscharnergut. Im letzten Jahr waren in Bern 0,45 Prozent der Wohnungen zu haben. Dennoch seien die Situationen in Bern und Zürich vergleichbar, findet eine Gruppe von Politikerinnen und Politikern, die gemeinsam mit Experten des Bundes und des Kantons auf Einladung des Berner Mieterverbands nach Zürich gereist sind. «Schauen, wie es die Zürcher machen», heisst das inoffizielle Motto. «Wie in der Stadt Zürich preisgünstige Wohnungen entstehen» das offizielle. Unter den Gästen sind SP-Grossrat Michael Aebersold (SP), Präsident des Mieterverbands, die grüne Grossrätin Natalie Imboden, Vorstandsmitglied im Verband, Gemeinderätin Regula Rytz (GB), SP-Stadträtin und Architektin Gisela Vollmer. Stadtrat Peter Ammann (GLP) ist der einzige Vertreter der Mitte. Von Bürgerlichen fehlt jede Spur. Er sei verhindert gewesen, sagt SVP-Fraktionspräsident Roland Jakob auf Anfrage – und dann habe niemand in der Fraktion Interesse gezeigt, einen halben Arbeitstag hinzugeben.

2,5 Zimmer für 1700 Franken

In Altstetten referiert Peter Schmid, Präsident der Baugenossenschaft «Mehr als wohnen» vor den Gästen aus Bern. «Vor sechs Jahren stand hier noch nichts», sagt er und deutet auf die Balkonreihen hinter ihm. Die Siedlung Im Chlee haben die Mieter erst im April bezogen, sie ist bereits praktisch voll besetzt. Die Überbauung teilen sich die Zürcher Baugenossenschaften GBMZ und BGH. Gebaut im Minergie-Standard kosten 2,5 Zimmer hier 1310 bis 1700 Franken. «Für Zürcher Verhältnisse ist das noch immer sehr günstig», sagt Schmid. Die Überbauung ist lichtdurchflutet, die Wohnungen sind modern, auch wenn die Decke etwas tief hängt. Das sei eben verdichtetes Bauen, sagen die Berner. «Sieben Geschosse, so hoch würde man in der Stadt Bern heute gar nicht erst bauen», meint Gisela Vollmer. Sechs Fensterreihen stehen in den Backsteinfassaden der benachbarten Siedlung Ruggächern übereinander. 14 Wohnblocks stehen in der Überbauung. Dahinter lugt eine alte Dorfkirche hervor. Zöge man die Analogie zu Bern, wäre man nach der zwanzigminütigen Bus- und S-Bahnreise vom Hauptbahnhof bereits in der Umgebung von Köniz gelandet. «In Bern muss man die Wohnungspolitik regionaler angehen», sagt Gemeinderätin Rytz.

In Zürich eine Tradition

In Zürich hat der gemeinnützige Wohnungsbau Tradition. Über 100 Jahre ist es her, dass die erste Genossenschaft gegründet wurde. Den Grundstein für die städtische Wohnbau- und Bodenpolitik legte das rote Zürich in den 1920er-Jahren. Heute ist jede vierte Wohnung der Stadt Zürich genossenschaftlich organisiert. Die Exekutive verfolgt das Ziel, dieses Niveau mindestens zu halten. Die Limmatstadt fördert den Wohnungsbau auf mehreren Schienen. Zum einen engagiert sich die Stadt, um Boden für genossenschaftliche Projekte zu erwerben. Diese profitieren für ihre Bauprojekte von zinslosen Darlehen. Ausserdem subventioniert man rund 7000 Wohnungen direkt – ähnlich wie dies Bern tut. Diese Politik hat dazu geführt, dass Zürich heute wieder fast so viele verbilligte Neuwohnungen baut wie während der siebziger Jahre.

Bemerkenswert ist aber vor allem eines: Die Zürcher Bürgerlichen unterstützen den genossenschaftlichen Wohnungsbau. Dessen Nutzen sei politisch nicht umstritten, sagt der Stadtzürcher Finanzdirektor Martin Vollenwyder (FDP) vor den Berner Kolleginnen und Kollegen. «Höchstens bei der Höhe der Förderung gibt es unterschiedliche Meinungen.» In Bern undenkbar: «Es ist nicht Aufgabe der Stadt, günstigen Wohnungsbau zu subventionieren», sagt FDP-Fraktionspräsident Bernhard Eicher auf Anfrage. In Bern ist der genossenschaftliche Wohnungsbau seit den 70er-Jahren zurückgegangen. Heute gehören 14 Prozent der Wohnungen einer Genossenschaft. Zürich zeige aber, dass die Politik erfolgreich sei – unabhängig von ideologischen Diskussionen, sagt Natalie Imboden am Ende des Ausflugs. Das Grüne Bündnis steckt bereits in den Vorbereitungen einer Volksinitiative zur Förderung des gemeinnützigen Wohnbaus.

Quelle:
Der Bund

6.6.2011